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Kastration beim Hund (Teil 2) – Die Kastration der Hündin

03.03.2021

Über 10 Millionen Hunde leben in deutschen Haushalten. Eine Frage haben alle diese Hundehalter und Hundehalterinnen gemein: "Soll ich meinen Hund kastrieren lassen?". Die Kastration beim Hund ist ein Thema, das jeden Hundemenschen angeht – sprechen wir also drüber! Dieser Artikel ist der zweite Teil unser Artikel-Reihe zum Thema Kastration. Er setzt sich mit den biologischen Grundlagen der Hündin, sowie mit den häufigsten Gründen der Kastration beim weiblichen Hund, Gebärmutterentzündung, Gesäugetumore und Scheinträchtigkeit, auseinander.

Kastration beim Hund (Teil 2) – Die Kastration der Hündin

Im 1. Teil zum Thema Kastration habe ich bereits darüber berichtet, dass es nach den Ergebnissen unterschiedlicher Studien so scheint, dass Rüden meist aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten kastriert werden, während bei den Hündinnen medizinische beziehungsweise prophylaktische Vorteile, zum Beispiel bezüglich Gebärmutterentzündung (Pyometra) und Gesäugetumore (Mammatumore), aber auch die Scheinträchtigkeit beim weiblichen Hund, am häufigsten als Kastrationsgrund genannt werden.

Doch bevor wir diese Gründe etwas genauer unter die Lupe nehmen, gibt es erstmal einen kleinen Einblick in die Anatomie von Gesäuge und Geschlechtsorganen der Hündin, sowie in die Grundlagen der Steuerung der Sexualhormone.

Anatomie und hormonelle Steuerung des Zyklus

Anatomische Grundlagen

Anatomische Grundlagen – Gesäuge und Geschlechtsorgane der Hündin

Die für die Fortpflanzung wichtigen körperlichen Merkmale der Hündin sind das Gesäuge und die Geschlechtsorgane. Diese spielen auch im Zusammenhang mit der Kastrationsentscheidung eine wichtige Rolle. Das Gesäuge der Hündin besteht aus etwa vier bis sechs paarig angelegten Mammarkomplexen. Dies sind Strukturen, deren äußerlich erkennbaren Teile wir als Zitzen bezeichnen. In diesen Komplexen findet die Bildung und die Weiterleitung der Milch statt. Als Geschlechtsorgane werden hingegen diejenigen Organe bezeichnet, die direkt der Fortpflanzung dienen, wie die Eierstöcke, die Eileiter und die Gebärmutter. In den Eierstöcken der Hündin reifen die Eizellen, welche anschließend über die Eileiter in die Gebärmutter weiter transportiert werden. Bei einer Trächtigkeit ist die Gebärmutter der Ort an dem die Embryonen aufgenommen werden und sich bis zur Geburt weiter entwickeln.

Die hormonelle Steuerung

Die hormonelle Steuerung der Sexualhormone beginnt im Gehirn. Der Hypothalamus sendet das gonadotropin releasing Hormon (GnRH) aus. Das GnRH bindet nun an die entsprechenden Rezeptoren der Hypophyse, die daraufhin das follikelstimulierende Hormon (FSH) und das luteinisierende Hormon (LH) freisetzt. Das FSH und das LH werden auch als "Gonadotropine" zusammengefasst, was den Namen des Hormons erklärt, welches der Hypothalamus freisetzt. Das FSH und das LH verlassen das Gehirn und gelangen über das Blutkreislaufsystem zu den Eierstöcken der Hündin.

Die Eierstöcke sind die Hauptproduktionsorte der Hormone Östrogen und Progesteron. Östrogen sorgt für das weibliche Erscheinungsbild, wie z.B. das Wachstum der Milchdrüsen. Außerdem spielt es unter anderem auch für den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut, sowie für die Öffnung des Muttermundes vor dem Eisprung, eine wichtige Rolle. Die Eierstöcke können nun mittels FSH die =Follikel produzieren (Follikelwachstum) und mittels LH die Eizelle aus dem Follikel freisetzen (Eisprung). Aus jedem Follikel kann eine Eizelle entspringen. Der Follikel ist die schützende Hülle (Epithelschicht) um die Eizelle herum. Beim Eisprung verlässt die Eizelle die Hülle und die Hülle entwickelt sich weiter zum Gelbkörper. Der Gelbkörper gibt nun das Hormon Progesteron ab. Progesteron ist das sogenannte Trächtigkeitshormon und hält die Schwangerschaft aufrecht. Während Östrogen für die Stärkung der Muskulatur sorgt, bewirkt Progesteron deren Entspannung. Somit ist es dem Hundeembryo möglich sich in die Gebärmutterwand einzunisten. Es schützt auch den Embryo vor Keimen, da es das feste Verschließen des Muttermundes bewirkt. Bei unseren weiblichen Vierbeinern gibt es hier eine Besonderheit. Die Gelbkörper produzieren, unabhängig davon, ob eine Befruchtung stattgefunden hat, Progesteron. Dies ist die Phase der Scheinträchtigkeit, die in etwa so lange anhält wie eine erfolgreiche Trächtigkeit mit anschließender Geburt. Im Anschluss an die Scheinträchtigkeit beginnt die Phase der Scheinmutterschaft. Denn in dieser Zeit würde eine tragende Hündin die gerade Welpen bekommen hat, ihren Nachwuchs säugen. Das Hormon was in dieser Zeit vorherrschend ist, ist das Prolaktin. Prolaktin wird von der Hypophyse ausgeschüttet und sorgt in erster Linie für die Milchproduktion bei der Hündin.

Abb. 3: Die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse

Mehr zum Zyklus der Hündin und zur hormonellen Steuerung findest du hier.

Gebärmutterenzündung (Pyometra) als Kastrationsgrund

Einer der am häufigsten genannten Kastrationsgründe ist die Gebärmutterentzündung. Sie ist eine bakterielle Infektion der Gebärmutter, meist ausgelöst durch das Bakterium Escherichia coli (E. coli). Infolge der Infektion kann es im Verlauf der Erkrankung zu einer Endotoxämie, eine durch Bakterien ausgelöste Vergiftung, kommen. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt zwischen 6 und 9,4 Jahren . Am häufigsten tritt die Erkrankung im Metöstrus der Hündin auf (mehr zu den Phasen des Zkyklus der Hündin findest du hier). Dennoch ist festzuhalten, dass eine Pyometra in jedem Alter und nach jeder Läufigkeit auftreten kann, auch bereits im Alter von sechs Monaten. Ebenso gibt es Hündinnen die im Anöstrus oder Östrus an einer Gebärmutterentzündung erkranken. Bei der Pyometra unterscheidet man in eine offene und eine geschlossene Form. Bei der offenen Form kann der Eiter, der sich in der Gebärmutter ansammelt, abfließen. Die Hündin hat einen bräunlichen Vaginalausfluss und die Scheide ist geschwollen. Bei der geschlossenen Form ist der Muttermund bereits geschlossen und der Eiter kann nicht abfließen, die Scheide ist meist auch bei dieser Form geschwollen, der Bauchumfang kann vergrößern sein, aber die Hündin hat keinen bräunlichen Vaginalausfluss. Dies erschwert die Diagnose einer Pyometra erheblich. Die Gebärmutterentzündung ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die einer zügigen Behandlung bedarf.

Eine akute und lebensbedrohliche Gebärmutterentzündung stellt eine medizinische Indikation und somit einen legitimen Grund für die Entfernung der Gebärmutter da. Anders sieht das jedoch bei einer Kastration (bzw. einer Totaloperation) aus, die zum Schutz vor einer Gebärmutterentzündung, vorgenommen werden soll. Eine Kastration als prophylaktische Maßnahme ist von dieser Ausnahme des Tierschutzgesetzes nicht abgedeckt. Die Vorbeugung von Erkrankungen erlaubt es nicht einen Hund kastrieren zu lassen. (Mehr zur rechtlichen Situation findest du im ersten Teil dieser Artikel-Reihe).

Stattdessen kann die eigene Hündin und ihr Verhalten während jeder Läufigkeit gut beobachtet und dokumentiert werden. Es ist so zum Beispiel sinnig festzuhalten, wann die Blutung eingesetzt hat, wann der Ausfluss heller wurde, wann die Blutung aufgehört hat und wann die Standhitze begonnen hat. Darüber hinaus sollte man auf Verhaltensänderung, wie eine erhöhte Wasseraufnahme und Harnabsatz, Appetitverlust oder Schmerzanzeichen im Bauchbereich achten. Unter Umständen kann es auch sinnvoll sein eine Ultraschalluntersuchung im Metöstrus am Ende der hormonell aktiven Zeit durchzuführen. Lasst dich hierzu von einem Tierarzt beraten.

Gesäugetumore als Kastrationsgrund

Ein weiterer häufig genannter Kastrationsgrund bezieht sich auf die Gesäugetumore, also den Brustkrebs, der Hündin. Dabei stößt man nicht selten (auch auf Internetseiten von Tierärzten), auf die Aussage, dass nicht kastrierte Hündinnen eine Brustkrebswahrscheinlichkeit von 26% aufweisen würden oder mit anderen Worten, dass jede vierte Hündin an Brustkrebs erkranken würde. Im Sinne dieser Aussagen kann jeder der seine Hündin nicht kastrieren lässt "nicht mehr ganz bei Trost" sein, denn er nimmt in Kauf, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit an Gesäugetumoren stirbt! --  Zugegeben, wenn diese Zahlen so stimmen würden, wäre ich sicherlich auch dieser Meinung, doch nehmen wir das Ganze erstmal etwas genauer unter die Lupe.

Diese Zahlen gehen auf eine Studie von Robert Schneider und seinen Co-Autoren aus dem Jahr 1969 zurück. In dieser Studie wurden Hündinnen in drei Kategorien eingeteilt. Hündinnen die vor der ersten Läufigkeit kastriert wurden, Hündinnen die nach der ersten Läufigkeit kastriert wurden und Hündinnen die nach der zweiten Läufigkeit kastriert wurden. Bei dieser Studie kam heraus, dass Hündinnen die vor der ersten Läufigkeit kastriert wurden, ein erhöhtes Erkrankungsrisiko von nur 0,5% aufwiesen. Hündinnen die nach der ersten Läufigkeit kastriert wurden hatten schon ein Erkrankungsrisiko von 8% und Hündinnen die nach der zweiten Läufigkeit kastriert wurden hatten bereits ein Erkrankungsrisiko von 26%. Das heißt jetzt aber nicht, dass jede vierte Hündin Brustkrebs bekommt, sondern lediglich, dass das Risiko überhaupt Brustkrebs zu bekommen um 26% erhöht ist.

Laut der Zeitschrift "Tierärztliche Praxis" in der im Jahr 2002 unterschiedliche Studien zusammengefasst wurden, liegt das generelle Risiko an Brustkrebs zu erkranken für intakte Hündinnen bei höchstens 1,86%. Das bedeutet also, dass etwas zwei von 100 Hündinnen überhaupt an Brustkrebs erkranken. Das heißt, wenn wir die Hündin nach der zweiten Läufigkeit kastrieren lassen und das Risiko um 26% steigt, so sind es 26% von 1,86%. Mit anderen Worten, eine von 200 Hündinnen erkrankt an Brustkrebs – nicht jede vierte! Was wir hier sehen ist tatsächlich eine Reduktion. Wenn wir nicht kastrieren, sind es in etwa zwei von 100 Hündinnen die erkranken. Kastrieren wir nach der zweiten Läufigkeit, sind wir bei einer von 200 Hündinnen. Die Zahlen sind also deutlich überschaubarer und lange nicht so eindimensional wie manchmal vermittelt wird. Studienergebnisse sind dabei auch abhängig von den der Altersturktur und der Rassezugehörigkeit der untersuchten Tiere. Wir können davon ausgehen, dass es auch in der Zukunft noch neue Studien und somit neue Zahlen zum Thema Mammatumore und Kastration geben wird.

Darüber hinaus ist es auch wichtig das Brustkrebsrisiko in Relation zu möglichen Nebenwirkungen zu setzen. So ist die Kastration zum Beispiel auch ein Risikofaktor für Milz oder Knochentumore.

Mehr über mögliche Nebenwirkungen der Kastration erfährst du in den nächsten Artikeln der Kastrations-Reihe. Aboniere am besten den Tardis & Friends-Newsletter, um dies nicht zu verpassen.

Scheinträchtigkeit und Scheinmutterschaft als Kastrationsgrund

Schließen wir diesen Artikel mit der Scheinträchtigkeit beim weiblichen Hund. Ein häufig genannter Kastrationsgrund ist die Vermeidung einer Scheinschwangerschaft oder Scheinmutterschaft der Hündin.

Wenn beim Hund von Scheinschwangerschaft oder Scheinträchtigkeit geschsprochen wird, ist häufig eigentlich die Scheinmutterschaft gemeint. Die Scheinschwangerschaft ist jedoch klar abzugrenzen von der Scheinmutterschaft. Die Scheinschwangerschaft schließt an die Standhitze der Hündin an und die Scheinmutterschaft beginnt etwa zwei Monate nach der Hitze.

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass alle weiblichen Vertreter der Hundeartigen (z.B. Fuchs, Wolf, Haushund) scheinträchtig werden, beziehungsweise eine Scheinmutterschaft durchleben. Dieser Prozess ist aus biologischer Sicht völlig normal und hat durchaus gute Gründe. Die Scheinschwangerschaft und die Scheinmutterschaft sind sozusagen Meisterwerke der Evolution, welche die Wahrscheinlichkeit Jungtiere erfolgreich großzuziehen dadurch erhöht, dass die Familie bei der Jungtieraufzucht tatkräftigt mithilft. Der Verhaltensökologe spricht hier von einer Erhöhung der Fitness. Entscheidend dafür sind die Hormone Progesteron und Prolaktin. Sie lösen sowohl bei Hündinnen als auch bei Rüden unter anderem Brutpflegeverhalten aus.

Scheinträchtigkeit der Hündin

Hormonell gesehen sorgen für die Scheinträchtigkeit die Gelbkörper, welche als leere Follikel im Eierstock so lange aktiv bleiben und Progesteron produzieren, bis eine echte Trächtigkeit vorüber wäre. Verhaltensänderungen in dieser Zeit sind also zu erwarten. Die Hündin ist anhänglicher, sucht vermehrt die Nähe ihrer Familienmitglieder und ist generell mehr auf positiven sozialen Kontakt bedacht. Es kann auch sein, dass Hündinnen in genau dieser Zeit stress- und angstanfälliger sind. Sollte also eine Hündin in diesen Zeiten Stress und Angst haben und dies zu Problemen führen, dann gehören genau diese Hündinnen zu der Gruppe, wo eine Kastration zur Verhaltensbesserung führen könnte. Aber auch hier gilt immer die Einzelfallbetrachtung.

Scheinmutterschaft der Hündin

Während in der Scheinschwangerschaft das Hormon Progesteron vorherrscht, so ist es in der Scheinmutterschaft das Hormon Prolaktin. In der Zeit der Scheinmutterschaft kann das Gesäuge angebildet sein, vor allem der untere Bereich der Gesäugeleiste ist oftmals geschwollen. Die Hündin kann in dieser Zeit auch Milch produzieren. Es kann auch sein, dass die Hündin zu dieser Zeit nicht gerne das Haus verlassen möchte. Auch in der Natur verlässt die Mutter in dieser Zeit nicht die Wurfhöhle . Das alles sind also völlig normale Reaktionen einer Scheinmutterschaft, ausgelöst durch das "Elternhormon" Prolaktin. Stimmungsschwankungen, erhöhte Empfindlichkeit oder Abgeschlagenheit während dieser Zeit sind also nicht per se pathologisch und kein direkter Grund für eine Kastration. Entwickelt eine Hündin während dieser Zeit aber Depressionen, zeigt unangemessene Aggression oder frisst nicht mehr, so ist es ratsam mit dem Tierarzt Rücksprache zu halten und zu überlegen, ob eine Kastration der Hündin den Leidensdruck nehmen könnte. Aber auch hier ist Vorsicht geboten -- Prolaktin bleibt auch nach einer Kastration aktiv. Probleme die also durch das Hormon Prolaktin im Verhalten entstehen, können nicht mittels einer Kastration behoben werden. Zu einer vermehrten Prolaktinbildung kann es nämlich auch bei einer kastrierten Hündin kommen, wenn ein neuer Welpe einzieht oder die Halterin menschlichen Nachwuchs bekommt.

Fazit

Die Kastration der Hündin ist kein unerheblicher Eingriff. Es handelt sich um eine Amputation innerer Organe, die einen erheblichen und irreversiblen Eingriff in das Leben des Tieres darstellt. Darum ist es wichtig eine Kastrationsentscheidung gründlich abzuwägen und keine vorschnellen Maßnahmen zu ergreifen. Hierfür ist es notwendig sich mit dem Zyklus der Hündin und den hiermit einhergehenden hormonellen und körperlichen Veränderungen auseinander zu setzen. So sind zum Beispiel Scheinschwangerschaft und Scheinmutterschaft keineswegs krankhafte Vorgänge beim weiblichen Hund. Darüberhinaus sollte man bei absoluten Aussagen und "lauten Zahlen" Vorsicht walten lassen. Die Studienlage, zum Beispiel zum Thema Mammatumore, ist lange nicht so eindeutig wie gerne mal der Eindruck erweckt wird und auch bei der Interpretation von Studienergebnissen kommt es schnell zu Fehlern. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass die Kastration der Hündin durchaus auch Nebenwirkungen mit sich ziehen kann.

Mehr zum Thema Nebenwirkungen der Kastration gibt es bald in den weiteren Teilen unser Kastrationsreihe. Aboniere am besten den Tardis & Friends Newsletter, um keinen Artikel zu verpassen.

Jennifer Schmitz

Jennifer Schmitz

Jenny ist Biologin und widmet sich in der AG Mammalia der Verhaltensbiologie des Hundes. Ihren M.Sc. schloss sie mit einer Arbeit zum Thema „Kastration und Verhalten beim Hund“ ab. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist sie als Hundetrainerin tätig.

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