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Kastration beim Hund (Teil 1) – Warum wir über Kastration sprechen müssen!

09.12.2020

Über 10 Millionen Hunde leben in deutschen Haushalten. Eine Frage haben alle diese Hundehalter und Hundehalterinnen gemein: „Soll ich meinen Hund kastrieren lassen?“. Die Kastration beim Hund ist ein Thema, das jeden Hundemenschen angeht – sprechen wir also drüber! Dieser Artikel ist der erste Teil unser Artikel-Reihe zum Thema Kastration. Es wird sich der Frage gewidmet, was Kastration eigentlich ist, was Gründe für die Kastration sind und welche tierschutzrechtlichen Regelungen gelten.

Kastration beim Hund (Teil 1) – Warum wir über Kastration sprechen müssen!

Einleitung – die Frage nach dem Warum

Die Kastration beim Hund wird in der Welt der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Wirft man jedoch einen Blick auf die Hundewelt außerhalb der Forschungsliteratur, scheint es sowohl in sozialen Medien, Blogs, Foren als auch auf dem Hundeplatz, viele eindeutige Meinungen zu geben. Dabei rückt die Frage nach nach dem optimalen Zeitpunkt der Kastration nicht selten in den Vordergund, während die Frage, ob und warum der Hund überhaupt kastriert werden soll, in den Hintergrund gerät.

Doch aufgepasst! Bei Aussagen, die auf Anekdotenbasieren oder durch das Argument „das wurde schon immer so gemacht“ geprägt sind, handelt es sich eben nicht um die Wiedergabe wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern um Meinungen! Doch der Blick in die Forschungsliteratur lohnt sich an dieser Stelle. Der Trend, die Einzelheiten der Auswirkungen von Kastrationen verstehen zu wollen, nimmt zwar zu, doch die meisten der heute vorliegenden Forschungsergebnisse beziehen sich auf die körperlichen Folgen einer Kastration. Wie sich die Kastration aber auf das Verhalten auswirkt, bleibt immer noch weitgehend unbeantwortet. Umso erstaunlicher, dass man dennoch detaillierte Aussagen zur Auswirkung einer Kastration auf das Verhalten (inklusive Zeitangaben) im Netz finden kann. Quellen werden nicht angegeben – Wie denn auch? Sie existieren nicht.

Umso mehr Meinungen und Mythen zu einem Thema existieren, desto wichtiger ist es sich intensiv mit ihm auseinander zusetzen, wenn man eine fundierte Entscheidung treffen möchte – und das gilt natürlich auch für die Kastration beim Hund. Daher ist es rastam sich zunächst erst einmal die Frage zu stellen: „Warum will ich meinen Hund überhaupt kastrieren lassen?“

Kastration und Sterilisation

Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, ist es wichtig zu verstehen, was eine Kastration eigentlich ist und wie sie sich von einer Sterilisation unterscheidet. Bei einer Kastration werden dem Tier Geschlechtsorgane entnommen. Beim Rüden werden die Hoden und bei der Hündin werden die Eierstöcke amputiert. Entnimmt man der Hündin neben den Eierstöcken auch noch die Gebärmutter, so spricht man von einer „Totaloperation“. Das Tier ist also nicht mehr fortpflanzungsfähig und die Sexualhormonesind nach einer Kastration nicht mehr aktiv. Bei einer Sterilisation werden die Ausführungskanäle abgeklemmt oder durchtrennt. Beim Rüden sind dies die Samenleiter, bei der Hündin die Eileiter. Nach einer Sterilisation sind die Tiere nicht mehr fortpflanzungsfähig, aber die Sexualhormonesind weiterhin aktiv.

Kastration und Sterilisation Hündin
Abb.1-Kastration und Sterilisation bei der Hündin

Kastration und Sterilisation Rüde
Abb.2-Kastration und Sterilisation beim Rüden

Tierschutzrechtliche Regelungen

Der Grundsatz des Tierschutzgesetzes (§1 TierSchG) lautet wie folgt:

„Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

Bei Nutztieren sind die Vorteile einer Kastration für die Zucht, Haltung und die Qualität der Tiere bekannt. Daher wird die Kastration in der Nutztierhaltung schon lange praktiziert. Bereits in der Antike hat man männliche Tiere vor ihrer Reife getötet oder kastriert um unkontrollierter Zucht vorzubeugen. Für eine Zucht brauchte es auch mehr weibliche als männliche Tiere. Ein weiterer Punkt für die Kastration bei Nutztieren war, dass männliche Tiere in Herden zusammengehalten werden konnten, da es weit weniger zu Wettbewerbsaggression kam, als im Vergleich zu intakten Bullen. Durch die Kastration hat sich auch die Beschaffenheit des Felles verändert, so konnte zum Beispiel mehr Wolle produziert werden. Ebenfalls begünstigte es auch die Fettproduktion und das Fleisch wurde schmackhafter.

Die rechtliche Lage der Kastration von Nutztieren unterscheidet sich jedoch von der unserer Haustiere, und somit auch von der unserer Hunde. Auf der einen Seite dürfen wir einem Tier nicht ohne triftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen (§ 2 des TierSchG), auf der anderen Seite ist es verboten, Wirbeltieren vollständig oder teilweise Körperteile zu amputieren, sowie vollständig oder teilweise Organe oder Gewebe zu entnehmen oder diese zu zerstören (§ 6 Abs. 1 S. 1 TierSchG). Da bei der Kastration, die Hoden bzw. die Eierstöcke entfernt werden, fällt sie somit unter dieses Verbot. Jedoch sind im Tierschutzgesetzt auch Ausnahmen formuliert. Diese Ausnahmen beziehen sich dabei zum Beispiel auf eine tierärztliche Indikation. Das bedeutet, dass laut Tierschutzgesetz eine Kastration erfolgen darf, wenn ein medizinischer Grund dafür vorliegt. Beim Rüden wäre dies zum Beispiel der Hodenhochstandund bei der Hündin die akute und lebensbedrohliche Gebärmutterentzündung. Auch das Vorhandensein bestimmter Erbfehler kann hierzu zählen. Eine Kastration als prophylaktischeMaßnahme zur Vorbeugung von Erkrankungen ist von dieser Ausnahme jedoch nicht abgedeckt. Eine weitere Ausnahme kann unter Umständen auch die Kastration zur Fortpflanzungsregulierung sein. Eine Sonderstellung nimmt hierbei das Thema Kastration im Tierschutz ein, dem sich noch in einem weiteren Artikel gewidmet werden wird. Allerdings kann diese Ausnahme sich wohl kaum auf Haushunde beziehen, die unter der Aufsicht ihrer Halter und Halterinnen stehen. In ihrem Kommentar zu Tierschutzgesetz aus dem Jahr 2016 schließen Almuth Hirt, Dr. Christoph Maisack und Dr. Johanna Moritz hierzu auf Folgendes:

„… dass die Unfruchtbarmachungen zu Erreichung eines der genannten Zwecke sowohl erforderlich als auch verhältnismäßig sein muss, denn die Unfruchtbarmachung ist für das Tier ein Schaden und darf deshalb nicht ohne vernünftigen Grund herbeigeführt werden, dh sie muss dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz entsprechen. Außerdem muss diejenige Methode angewendet werden, die nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis die tierschonendste ist, auch bei Mehrkosten … Der genannte Zweck kann die Kastration von Katzen, besonders freilaufenden, rechtfertigen, nicht hingegen bei Hunden, denn dort lässt er sich auch durch Aufsicht zeitweiliges Einsperren uÄ, also mit tierschonenderen Maßnahmen erreichen, so dass es an der Erforderlichkeit fehlt.“

Gründe für eine Kastration

Doch warum kommt die Kastration für Hundehalter und Hundehalterinnen eigentlich in Betracht und warum werden Hunde heute eigentlich kastriert? – Die Hauptgründe lassen sich in drei Kategorien einteilen:

Medizinische Gründe sind beispielsweise der Hodenhochstandbeim Rüden und die Gebärmutterentzündung bei der Hündin. Mit Verhaltensgründen bezieht man sich auf Problemverhalten, welches Hundehalter und Hundehalterinnen bei ihren Vierbeinern stört. Dies kann beispielsweise das Urinmarkieren oder unangemessenes Aggressionsverhalten sein. Mit Haltergründen sind Probleme gemeint, die im Zusammenleben mit intakten Hunden auftreten können, wie zum Beispiel das Verunreinigen von Teppichen während der Blutung der Hündin. Die sogenannte „Bielefelder Kastrationsstudie“ von Gabriele Niepel aus dem Jahr 2003 , eine Befragung mit insgesamt 1010 auswertbaren Fragebögen, ergab dass die Gründe abhängig vom Geschlecht des Hundes variieren. Hündinnen werden laut Niepel zu 81% aus medizinischen Gründen kastriert (dies umfasst sowohl konkrete medizinische Gründe, als auch Gesundheitsprophylaxe) und lediglich 14% aus Verhaltensgründen. Bei einer Studie von Dr. Petra A. Mertens und Prof. Dr. Jürgen Unshelm aus dem Jahr 1997, mit knapp 13.000 teilnehmenden Hunden, zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Bei über 7700 Hündinnen wurden 10% aus konkreten medizinischen Gründen kastriert, 31% wegen Krankheitsprophylaxe und nur 2% auf Grund von Verhaltensproblemen. Rüden hingegen werden laut der „Bielefelder Kastrationsstudie“ zu 74% aus Verhaltensgründen kastriert und nur zu 21% aus medizinischen Gründen. Auch bei der Studie von Mertens und Unshelm zeigte sich Ähnliches. Für Rüden lagen die Verhaltensgründe bei 69% und die medizinischen Gründe bei 24%. Während es also so scheint, dass Rüden meist aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten kastriert werden, werden bei den Hündinnen medizinische bzw. prophylaktische Vorteile, zum Beispiel bezüglich Gebärmutterentzündung (Pyometra) und Gesäugetumore (Mammatumore), aber auch die Scheinschwangerschaft, am häufigsten als Kastrationsgrund genannt.

Kastration und Verhalten

Verhaltensproblematiken scheinen also Hauptgrund für die Kastration beim Rüden zu sein. Zu den problematischen Verhaltensweisen zählen hierbei oftmals das Urinmarkieren, Streunen und Aggression gegenüber anderen Rüden. An dieser Stelle zeigt sich ein Widerspruch. Die Ergebnisse der genannten Befragungen von Niepel sowie Mertens und Unshelm zeigen, dass viele Hundehalter und Hundehalterinnen sich durch die Kastration eine Besserung im Verhalten ihres Hundes erhoffen. Da die Studienlage hierzu jedoch noch sehr dünn ist, beruht diese „Hoffnung“ in der Regel auf keiner wissenschaftlichen Grundlage. Für die gewünschten Verhaltensverändungen gibt es bislang keine Belege.

Fazit – sich informieren und abwägen!

Eine Kastration ist kein unerheblicher Eingriff. Es handelt sich um eine Amputation innerer Organe, die einen erheblichen und irreversiblen Eingriff in das Leben des Tieres darstellt. Daher sollte die Frage nach dem „ob“ und „warum“, insbesondere aus Tierschutzsicht, dringend in den Vordergrund rücken und sich erst nach einer umfangreichen und den Einzelfall betrachtenden „Kosten- und Nutzenrechnung“, der Frage nach dem dem „wann“ gewidmet werden. Doch damit es überhaupt möglich ist, eine solche abwägende Entscheidung zu treffen, ist es notwendig sich mit der Kastration sachlich auseinander zu setzen und sich vorhandener wissenschaftlicher Erkenntnisse zu bedienen. Darüber hinaus sollte man sich bewusst machen, dass noch lange nicht alle Fragen, insbesondere im Bezug auf Verhaltensveränderungen, wissenschaftlich behandelt oder gar geklärt worden sind. Die Kastration von Hunden wird in der Wissenschaft nach wie vor kontrovers diskutiert.
In den nächsten Artikeln dieser Reihe wird ein Überblick über unterschiedliche Thematiken der Kastration gegeben.

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Jennifer Schmitz

Jennifer Schmitz

Jenny studiert Biodiversity, M.Sc. und widmet sich in der AG „Mammalia“ rund um Dr. Udo Gansloßer, der Verhaltensbiologie des Hundes. Aktuell finalisiert sie ihre Masterarbeit zum Thema „Kastration und Verhalten beim Hund“, um im Anschluss zu promovieren.