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Wenn Hunde Menschen Helfen Teil 1 – Hundegestützte Intervention

28.08.2022

In unserem Projekt "Wenn Hunde Menschen helfen" beschäftigen wir uns mit Bereichen in in denen Hunde Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen unterstützen. In diesem ersten Teil werfen wir einen Blick auf das breite Feld der hundegestützten Intervention, grenzen unterschiedliche Bereiche ab, sprechen über Ausbildungswege, gesetzliche Regelungen, tierethische Aspekte und den aktuellen Forschungsstand. In den zugehörigen Podcastfolgen kannst du außerdem Interviews und Erfahrungsberichte aus der Praxis hören.

Wenn Hunde Menschen Helfen Teil 1 – Hundegestützte Intervention

Was ist Hundegestützte Intervention?

Im Rahmen von tiergestützter Intervention werden Tiere eingesetzt, um das Wohlbefinden, den Lernfortschritt oder die Gesundheit von Menschen aller Altersstufen in verschiedenen medizinischen, sozialen, therapeutischen oder pädagogischen Kontexten zu verbessern. Besonders beliebt ist hierbei auch der Einsatz von Hunden als Form der tiergestützten Intervention. Beim Einsatz von Hunden kommt der sozialen Komponente der Mensch-Hund-Interaktion eine besondere Bedeutung zu. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielseitig und werden von ausgebildeten Fachkräften mit entsprechender Zusatzqualifikation angeboten. 

Grundlegend kann man vier Bereiche der tiergestützten Intervention abgrenzen, die sich im Einsatzgebiet, in der Zielsetzung, den Ansprüchen an den Hund und der fachliche Ausbildung des einsetzenden Menschen unterscheiden.

Hundegestützte Therapie – Beispiel Therapiebegleithund 

Ein Beispiel für den Einsatz von Hunden zu therapeutischen Zwecken ist der Therapiebegleithund. Er unterstützt seinen Menschen, der als ausgebildete Fachkraft in einem pädagogischen, therapeutischen, pflegerischen oder medizinischen Arbeitsfeld, zum Beispiel als Therapeut:in, Logopäd:in, Ergotherapeut:in oder Ärzt:in, tätig ist. Der Hund kommt dabei innerhalb konkreter Therapie- oder Förderziele zum Einsatz und hilft so, den Therapieerfolg und die Alltagsbewältigung von Patient:innen beziehungsweise Klient:innen zu erleichtern, da sie aktiv in deren Genesungsprozess eingebunden sind. Konkret erreichen Therapiehunde dies, indem sie selbstständig zu Aktionen wie Bewegungen oder Sprechen auffordern, oder auf Initiative der Patient:innen reagieren. Durch die Anwesenheit von Therapiehunden kann zum Beispiel eine verbesserte Stimmung, weniger Angstgefühle und erhöhtere Motivation für Zusammenarbeit gezeigt werden.

Hundegestützte Pädagogik – Beispiel Schulhund 

Im Bereich der hundegestützten Pädagogik unterstützen Hunde pädagogische Fachkräfte bei der Erfüllung konkreter pädagogischer Ziele. Ein Beispiel hierfür ist der Schulhund, der von Lehrer:innen im Schulunterricht eingesetzt wird. Es konnte beobachtet werden, dass Schulhunde verschiedene positive Auswirkungen auf die Schüler:innen haben; sowohl auf soziale Situationen unter den Kindern und Jugendlichen, als auch gegenüber Lehrkräften und in Bezug auf die eigenen Leistungen, wie zum Beispiel beim Lesen.

Hundegestützte Förderung und Hundegestützte Aktivitäten – Beispiel Lesehund und Besuchshund

Nicht zu verwechseln mit Therapie- und Pädagogikbegleithunden sind Hunde, die in der Tiergestützten Förderung und den Tiergestützten Aktivitäten eingesetzt werden.  Denn diese Formen der tiergestützten Interventionen können auch von Menschen mit Hund übernommen werden, die nicht über eine fachliche Ausbildung verfügen, sich aber trotzdem sozial engagieren möchten.

Im Rahmen der Hundegestützten Förderung werden dennoch konkrete Förderziele, wie allgemeine Motivierung, soziale Anregung, Förderung der Kommunikationsfähigkeit verfolgt. Klient:innen können unter anderem Rehapatient:innen, Entzugspatient:innen, demente Menschen oder Kinder mit Lernbehinderungen sein. Ein bekanntes Beispiel ist hierfür sind der Lesehund.

Bei der Arbeit innerhalb der Hundegestützten Aktivitäten geht es nicht um konkrete Förderziele oder die Fokussierung auf einzelne Klient:innen, sondern um schöne Erlebnisse mit Tieren, in einem für beide Seiten geschützten Rahmen. Ein Beispiel hierfür ist der Besuchshund, der in Senioren- oder Pflegeheimen schöne Momente für die Bewohner:innen schaffen kann. 

Wer darf einen Hund in der tiergestützten Arbeit einsetzen? – Ausbildung und Qualifikation

Um Hunde in der tiergestützten Arbeit einsetzen zu dürfen, gibt es unterschiedliche Vorraussetzungen. Während der Therapeutische und Pädagogische Einsatz ausgebildeten Fachkräften vorbehalten ist, steht der Einsatz im Rahmen hundegestützter Förderung und Aktivitäten auch fachfremden Personen offen.

Die Aus- und Weiterbildung im Bereich der tiergestützten Intervention ist in Deutschland (wie auch in Österreich und der Schweiz) nicht staatlich geregelt. Das einzige Regelwerk, dass aktuell für die Qualifikation des Menschen herangezogen wird, ist das Tierschutzgesetz. Möchte man in Deutschland im Bereich der tiergestützten Intervention gewerblich tätig werden, ist die Erteilung einer Erlaubnis nach §11 des Tierschutzgesetzes notwendig. Darüber hinaus können Träger- und Einrichtung auch eigene Anforderungen an die Qualifikation stellen.

Ausbildungsangebote im Bereich der tiergestützten Intervention sind zahlreich. Aufgrund fehlender staatlichen Regelungen, darf gemäß Tierschutzgesetz, jede:r Hundetrainer:in, auch ohne zusätzliche fachliche Qualifikation, Ausbildungen im Bereich der Tiergestützten Intervention anbieten. Die Dauer und Qualität der Angebote variieren entsprechend. Je nach Inhalten der absolvierten Ausbildung und den Anforderungen des zuständigen Veterinäramtes kann eine zusätzliche Prüfung durch das Veterinäramt erforderlich sein.

Die Qualität der Ausbildungsangebote kann sich enorm unterscheiden. Wir raten dazu, sich vor Ausbildungsantritt einen Überblick über die Inhalte und Qualifikation der Dozent:innen zu verschaffen. Darüber hinaus ist es sinnvoll sich beim zuständigen Veterinäramt darüber zu informieren, ob die Inhalte der gewählten Ausbildung die Kriterien zur Erlaubniserteilung für den §11 TSchG erfüllen. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) empfiehlt sich, in Ermangelung staatlich geregelter Ausbildungen in Deutschland, an der Akkreditierung der ISAAT beziehungsweise ESAAT zu orientieren. 

Welcher Hund eignet sich für den Einsatz in der tiergestützten Intervention?

Die Frage nach der Eignung des Hundes, für den geplanten Einsatz, ist essentiell. Sie dient nicht nur zur Sicherstellung der Arbeitsqualität und zum Schutz aller beteiligten Personen, sondern letztendlich auch dem Wohl des Hundes.

Auch wenn bestimmte Charaktereigenschaften wie Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Menschen, geringe Aggressionsbereitschaft und Resistenz gegenüber Umweltreizen sicherlich eine wichtige Rolle spielen, können weitere Faktoren wie die Bewegungsdynamik, die Größe oder auch das Haarkleid ausschlaggebend sein. Die Anforderungen an den Hund sind maßgeblich vom geplanten Einsatz abhängig und daher sehr individuell.Pauschale Aussagen bezüglich besonders geeigneter Hunderassen- oder typen sind schwer zu treffen. Zwar zeigen manche Rassen Häufungen bestimmter Eigenschaften, doch auch innerhalb der Rassen kann es zu Unterschieden in der Ausprägung von Charaktereigenschaften kommen. Darüber hinaus spielt auch die Sozialisierung der Hunde eine wichtige Rolle. Eine individuelle Beurteilung der Eignung ist also unabdingbar. Qualifizierte Ausbilder:innen können und sollten einem hier beratend zur Seite stehen.

Der Nachweis einer Eignung des Hundes ist in Deutschland (und in der Schweiz) nicht gesetzlich geregelt. Die Einrichtung(en), in denen der Hund eingesetzt werden soll, wie auch lokale Behörden, können jedoch den Nachweis eines Hundeführerscheins, Wesenstestes oder Ähnliches verlangen. In Österreich müssen sich Therapie- und Schulhunde einer Prüfung und regelmäßiger Nachkontrolle unterziehen, die durch eine staatlich festgelegte Prüfstelle, das Messerli Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, durchgeführt werden.

Regelungen für den Einsatz von Hunden in der Tiergestützten Intervention

Für den Einsatz von Hunden in der tiergestützten Interventionen sind zunächst Gesetze, die die Ausübung entsprechender therapeutischer, medizinischer oder pädagogischer Berufe regulieren, relevant.
Wie bereits erwähnt, mangelt es hierbei in Deutschland jedoch an expliziten Regelungen für die tiergestützten Intervention. In Österreich wird der Einsatz von Therapiebegleithunden, neben Assistenzhunden, seit 2015 im §39a des Bundesbehindertengesetzes (BBG) und in einer zusätzlichen Richtlinie des Bundesministers für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz geregelt.

Insbesondere für den Schutz der eingesetzten Hunde, muss sich nach dem jeweils geltenden Tierschutzgesetz gerichtet werden. Dies betrifft nicht nur die Sachkunde sondern auch den praktischen Einsatz von Hunden in der tiergestützten Intervention.

Mit Blick auf die Gesundheit von Menschen und Hunden spielt auch das Infektionsschutzgesetz eine Rolle. So müssen unterschiedliche Hygienemaßnahmen getroffen und gegebenenfalls Sachkenntnis nachgewiesen werden. Die Ausgestaltung eines individuellen Hygienekonzepts kann je nach Anforderungen des zuständigen Veterinäramtes und der Einrichtung, in der man tätig werden möchte, variieren. Vorsorgemaßnahmen bezüglich Befall von Würmern, Flöhen und anderer Parasiten sowie Impfungen gegen relevante Zoonosen und Tierseuchen können ebenso verpflichtender Bestandteil sein wie Fütterungsvorschriften, zum Beispiel im Bezug auf den Verzicht von Rohfütterung. Darüberhinaus kann auch das Vorliegen bestimmter Versicherungen, wie zum Beispiel einer Tierhalterhaftpflicht, vorgeschrieben sein.

Tiergestützte Intervention aus tierethischer Sicht

Hunde sind eigenständige Lebewesen, mit eigenen Bedürfnissen. Um diesen in der tiergestützten Intervention, auch über den Rahmen des Tierschutzgesetzen hinaus, gerecht zu werden, halten wir eine Betrachtung auch aus tierethischer Sicht für unerlässlich. Während in der praktischen Ausbildung vieler Ausbildungseinrichtungen hierbei insbesondere der Vermeidung von Stress und der korrekten Einordnung von Stressignalen Beachtung geschenkt wird, diskutieren Tierethiker:innen wie Charlotte Plattner und Leonie Bossert in ihrem Paper „Animal Labour – Der Versuch einer Einordnung“ den Arbeitseinsatz von Tieren im Allgemeinen und Wissenschaftlerinnen wie Juliane Bräuer und Juliane Kaminski fordern in ihrem Buch „Was Hunde Wissen“ weiterführende Forschung, rund um das emotionale Erleben von Hunden in Bezug auf den Einsatz in tiergestützter Intervention.

Was sagt die Wissenschaft?

Seit etwa 15 Jahren hat das Forschungsinteresse im Bereich der tiergestützten Intervention deutlich zugenommen. Dabei lag der Fokus bisher hauptsächlich auf der Wirkung von Tieren auf den Menschen. Besonders häufig wurde der Einfluss auf Kinder und Jugendliche im psychologischen, ergotherapeutischen und pädagogischen Kontexten sowie auf ältere Menschen, insbesondere im Bezug auf Demenz und pflegerische Betreuung untersucht.

Auch wenn viele Studien und Metanalysen Hinweise darauf geben, dass die tiergestützte Intervention zum Beispiel positive Auswirkungen auf das emotionale Wohlbefinden, Motivation, motorische Fähigkeiten sowie Sozialverhalten von Patient:innen und Klient:innen haben kann, weisen unterschiedliche Autoren wie Nimer und Lundahl, Lai et al. , Ratschen et al. , Berry et al. , Germain et al. und Charry-Sánchez et al, Mandrá et al. in ihren Reviews darauf hin, dass für eine eindeutige Evidenz noch weiterführende Forschung notwendig ist. Viele bisherige Studien werden bezüglich Studiendesign und Methodik sowie der Auswahl und Anzahl der Proband:innen bemängelt. Weitergehend ist zu beachten, dass die Vielzahl der Einsatzbereiche und auch die unterschiedlichen eingesetzten Tierarten spezifische Forschung erforderlich machen.

Den Auswirkungen der Tier-Mensch-Interaktion innerhalb tiergestützter Interventionen auf den Hund wurde in der Forschung bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Insbesondere aus den bereits erwähnten tierethischen Aspekten, aber auch um der Schnittstelle Mensch-Hund in Zukunft umfänglicher gerecht zu werden, besteht hier weiterführender, mitunter interdisziplinärer, Forschungsbedarf.

Mehr zum Thema tiergestützte Intervention, wie ein Interview mit der Hundetrainerin Claudia Pauliks und Erfahrungsberichte von in der tiergestützten Intervention tätigen Teams kannst du dir in diesen beiden Podcastfolgen anhören: Teil 1 - Einführung und Interview mit Claudia Pauliks
Teil 2 - Einblick in Wissenschaft und Praxis

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