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Wenn Hunde Menschen Helfen Teil 2 – Assistenzhunde 

15.09.2022

In unserem Projekt "Wenn Hunde Menschen helfen" beschäftigen wir uns mit Lebensbereichen in denen Hunde Menschen unterstützen. In diesem zweiten Teil werfen wir einen Blick in die Einsatzbereiche von Assistenzhunden, sprechen über Anforderungen, Auswahl, Ausbildungswege und gesetzliche Regelungen. In der zugehörigen Podcastfolge kannst du außerdem Interviews und Erfahrungsberichte aus der Praxis hören.

Wenn Hunde Menschen Helfen Teil 2  – Assistenzhunde 

Manche Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen werden in ihrem Alltag durch sogenannte “Assistenzhunde” unterstützt. Wie Rollstühle oder andere Hilfsmittel erleichtern Assistenzhunde für Menschen zum Beispiel Teilhabe und Selbstständigkeit. Die große Besonderheit hierbei ist, dass Assistenzhunde selber Lebewesen sind, auf deren Bedürfnisse Rücksicht genommen werden muss. 

Vielfältige Einsatzbereiche 

Von Blindenführhunden hat wohl jeder schon einmal etwas gehört. Sie unterstützen blinde und hochgradig sehbehinderten Menschen in ihrem Alltag. Doch Hunde können Menschen in weitaus mehr Bereichen unterstützen. Die Aufgaben der Assistenzhunde sind dabei ebenso vielfältig und individuell wie die Behinderungen und das Leben der Betroffenen selbst.

  1.  Blindenführhunde bilden mit ihren sehbehinderten Menschen ein sogenanntes Führgespann und stellen eine Mobilitätshilfe für sie dar. Blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen werden von ihrem Führhund durch den Straßenverkehr geleitet. Der Hund zeigt dabei sowohl von selber Hindernisse auf dem Laufweg an, kann aber auch gezielt auf Hörzeichen Fußgängerüberwege, Gebäude, Geländer oder Türen aufsuchen. 

  2. LPF-Assistenzhunde helfen Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, zum Beispiel bei Haushaltstätigkeiten, beim Einkaufen oder Anziehen, indem sie Dinge anreichen, Schränke und Türen öffnen, Schalter betätigen oder im Notfall andere Menschen zur Hilfe holen. Die Aufgabenbereiche und die Umsetzung durch den Hund können hier sehr individuell ausfallen.

  3. Warnhunde, auch medizinische Anzeigehunde genannt, zeigen unter anderem Epileptiker:innen, Asthmatiker:innen, Schlaganfallpatient:innen oder Diabetiker:innen Anfälle beziehungsweise Unter- oder Überzuckerung frühzeitig an, sodass diese Zustände durch Medikamenteneinnahme oder anderweitige Maßnahmen abgemildert beziehungsweise verhindert werden können. So können lebensbedrohliche Situationen umgangen werden. Allergiewarnhunde bewahren Allergiker:innen vor ihren individuellen Allergieauslösern. Je nach Einsatzbereich, können Bezeichnungen von Warnhunden variieren. So ist zum Beispiel für den Diabetikerwarnhund auch der Begriff Hypo-Hund geläufig.

  4. Signalhunde unterstützen taube Menschen, indem sie zum Beispiel auf bestimmte Geräusche aufmerksam machen, wie die Türklingel, den Namen ihres Menschens oder wenn ein wichtiger Gegenstand unbemerkt herunterfällt. Darüber hinaus können sie ihren Menschen auch mehr Sicherheit im Straßenverkehr verschaffen. 

  5. Assistenzhunde für Menschen mit psychischen Behinderungen unterstützen ihre Führer:innen in unterschiedlichen Lebenslagen. Menschen, die zum Beispiel von Demenz, Fetalem Alkoholsyndrom, Autismus-Spektrums-Störuung, ADHS, Posttraumatischer Belastungsstörung oder weiteren ursächlich psychischen, aber sich möglicherweise auch physisch äußernden Behinderungen, betroffen sind, können von Assistenzhunden profitieren, in dem diese ihren Menschen zum Beispiel von starken Reizen oder sozialen Situationen abschirmen oder sie bei Überreizung beziehungsweise Anfällen an einen geschützten Ort bringen. Vor allem in den USA sind Assistenzhunde für von PTBSbetroffene Veteran:innen erprobt.

Anforderungen an einen Assistenzhund

Neben spezifischen Anforderungen, die sich aus den individuellen Ansprüchen an einen Assistenzhund ergeben können, wie zum Beispiel eine bestimmte Größe, müssen die Hunde im besonderen Maß unkompliziert alltägliche Situationen bewältigen können. Sie sollten daher nicht aggressiv und wenig jagdlich motiviert sein. Ausgeglichene, selbstbewusste Charakterzüge und Motivation für die Zusammenarbeit mit dem Menschen sind klar von Vorteil. Außerdem müssen die Hunde natürlich gesund sein, um der Belastung im Arbeitseinsatz gewachsen zu sein. Da die Hunde meist erst mit drei bis vier Jahren voll einsatzfähig sind, ist eine hohe Lebenserwartung zusätzlich von Bedeutung.

Assistenzhund ist nicht gleich Assistenzhund. Die Anforderungen an einen Assistenzhund können sehr individuell sein und hängen nicht nur von der Art der Einschränkung, sondern auch von weiteren persönlichen Faktoren ab.  Das bedeutet, dass zwei Personen mit einer ähnlichen Behinderung ganz unterschiedliche Anforderungen an einen Assistenzhund haben können.

Auswahl & Zuchtprogramme

Während es in Europa sehr verbreitet ist, einen Welpen mit Hilfe einer Assistenzhundeschule auszuwählen und auf die Zusammenarbeit mit einzelnen etablierten Rassehunde-Züchter:innen zu setzen, haben einige Assistenzhunde-Organisationen in den USA sogar gezielte und aufeinander abgestimmte Zucht-, Aufzucht- und Ausbildungsprogramme etabliert. So möchte man neben der Selektion der Welpen nach Eignung, auch auf der Ebene der Zuchtplanung gezielt einwirken. Hierbei steht in der Regel nicht der Rasseerhalt sondern funktionale Aspekte im Vordergrund. Beim Zuchtprogramm der US-amerikanischen Organisation Guiding Eyes for the Blind, welches schon seit 1966 besteht, wird zum Beispiel die Reduzierung von Hüftdysplasie und anderen einschränkenden Erbkrankheiten in der Zuchtpopulation sowie eine hohe Trainierbarkeit in den Fokus gesetzt. Die Organisation NEADS World Class Service Dogs bildete lange Zeit Hunde aus dem Tierschutz und von privaten Züchtern aus - mit einer Ausbildungserfolgsquote von deutlich weniger als der Hälfte. Als sie in den 2000ern anfingen, Hunde aus Zuchtprogrammen, wie dem der Guiding Eyes for the Blind auszubilden, stieg die Abschlussquote nach eigenen Angaben auf 52%-58% (einen branchenüblichen Wert). Heutzutage ist NEADS Mitglied der ADI Breeding Cooperative, in der sich etwa 40 Organisationen aus der Branche zusammengeschlossen haben. Seit 2021 gibt es solche Zuchtkooperativen des Assistance Dogs International auch für Europa und Ozeanien.

Für die Auswahl geeigneter Hunde werden bereits im Welpen und Junghundealter unterschiedliche Eignungstest vorgenommen. Diese Tests sind zwar ein gutes Hilfsmittel für die Auswahl potentiell geeigneter Hunde, da sie jedoch immer nur den Ist-Zustand wieder geben können, bieten sie keine Garantie für einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss zum Assistenzhund. So können zum Beispiel Sozialisierungsaspekte oder das Durchlaufen der Pubertät zu Veränderungen im Verhalten führen.

Einen geeigneten Assistenzhund zu finden benötigt Zeit. Dies betrifft nicht nur die Zeit die für Entscheidung und Auswahl benötigt wird, sondern auch die Dauer der Ausbildung.

Die Ausbildung

Die Ausbildung von Assistenzhunden kann auf unterschiedliche Wege erfolgen. Zunächst besteht die Möglichkeit einer Selbstausbildung mit einem Welpen oder einem bereits vorhandenen erwachsenen Hund in der Regel mit Unterstützung einer Assistenzhundeschule. Der Hund lebt hierbei ab Welpenalter beziehungsweise mit Beginn der Ausbildung im Haushalt des Menschen den er zukünftig unterstützen soll.
Darüber hinaus kann auch ein bereits von Fachleuten ausgebildeter Hund übernommen werden. Bei der sogenannten Fremdausbildung nimmt der oder die Assistenzhundetrainer:in den Hund in der Regel im Welpenalter bei sich auf und übergibt ihn am Ende der Ausbildung nach einer Eingewöhnungsphase und mit fortlaufender Betreuung an den oder die Assistenzhundeführer:in. Das Für und Wieder der unterschiedlichen Ausbildungswege, insbesondere auch mit Bezug auf die unterschiedlichen Einsatzbereiche, wird in der Fachszene diskutiert. In Deutschland gibt es noch keine einheitlichen Ausbildungskriterien und Prüfungen für Assistenzhunde. Diese werden jedoch aktuell auf Grundlage des Teilhabestärkungsgesetzes erarbeitet.

In Österreich ist zur Anerkennung als Assistenzhund eine Eignungsbeurteilung notwendig, welche durch das Messerli Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, durchgeführt wird.

Wird die Ausbildung zum Assistenzhund von Krankenkassen übernommen?
Je nach Ausbildungsmodell können die Kosten bis zu 30.000 Euro betragen. Auch wenn gesetzlich nicht zwischen Blindenführ- und anderen Assistenzhunden unterschieden wird, hat in der Regel nur die Ausbildung von Blindenführhunden eine Chance durch Krankenkassen übernommen zu werden, da die Ausbildung recht etabliert ist und die Ansprüche klar sind. Andere staatliche Förderung, wie zum Beispiel über das Sozialamt, können in Einzelfällen erfolgen. Ein Rechtsanspruch besteht jedoch nicht.

Besondere gesetzliche Regelungen 

Assistenzhunde dürfen mit den Menschen die sie begleiten viele Orte betreten, an denen Hunde normalerweise verboten sind. Zum Beispiel Lebensmittelgeschäfte und Krankenhäuser. Geregelt wurde dies bisher unter anderem durch das Gleichbehandlungsgesetz (AGG), welches Benachteiligungen aufgrund einer Behinderung im Erwerbsleben sowie bei bestimmten Rechtsgeschäften untersagt. Im Jahr 2021 wurden mit dem Teilhabestärkungsgesetz erweiterte gesetzliche Regelungen im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) geschaffen, die den Zutritt zu allen für die Allgemeinheit typischerweise zugänglichen Anlagen und Einrichtungen ermöglichen sollen. Dies betrifft unterschiedlichste Bereiche von Arztpraxen über Restaurants bis hin zu Friseursalons. Der Zutritt darf nur dann verweigert werden, wenn eine unverhältnismäßige Belastung für die Betreiber vorliegt.

Was sagt die Wissenschaft? 

Unterschiedliche Reviews der vergangenen zwei Jahrzehnte, die verschiedene Aspekte der Arbeit von Assistenzhunden beleuchten, zum Beispiel von Sachs-Ericsson et al. (2002), Winkle et al. (2012), Berry et al. (2013) und Lindsay & Thiyagarajah (2021) äußern, dass die aktuelle Forschung zwar einige Hinweise darauf liefert, dass Assistenzhunde positive Auswirkungen auf ihre Assistenzhundeführer:innen sowie deren Umfeld, insbesondere auch im Vergleich zu anderen Hilfsmitteln, haben können. Gleichermaßen stellen sie jedoch fest, dass eine definitive Evidenz damit noch nicht gegeben sei, vor allem weil Methodik und Studiendesign oft unzureichend und Ergebnisse wenig vergleichbar seien. Die Autoren fordern weitere Forschung mit Verbesserungen im Studienaufbau,um die Auswirkungen von Assistenzhunden auf ihre Menschen detaillierter nachvollziehen zu können.

Mehr zum Thema tiergestützte Intervention, wie ein Interview mit der Ausbilderin Carina Stanek und einen Einblick in das Leben mit Assistenzhund von Lisa Garber kannst du dir in dieser Podcastfolge anhören

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